Der Rosetta-Stein: Schlüssel zur Entzifferung
Von Matthias Vogel · aktualisiert am 10. August 2026 · 7 Min. Lesezeit
Ein Fund während der Ägyptenexpedition
Im Juli 1799 stießen französische Soldaten unter Napoleon Bonaparte beim Ausbau einer Festung nahe der Hafenstadt Rosette (arabisch Raschid) im Nildelta auf eine dunkle Granodiorit-Platte mit dicht beschriebener Oberfläche. Der beteiligte Offizier Pierre-François Bouchard erkannte, dass der Stein mehrere Schriftarten trug, und meldete den Fund den Gelehrten, die die Expedition begleiteten.
Nach der militärischen Niederlage Frankreichs in Ägypten ging der Stein 1801 im Rahmen der Kapitulation von Alexandria in britischen Besitz über. Seit 1802 wird er im British Museum in London ausgestellt und zählt bis heute zu den meistbetrachteten Objekten des Hauses.
Ein Text in drei Schriften
Der erhaltene Teil des Steins trägt einen Priesterdekret-Text aus dem Jahr 196 v. Chr., verfasst zu Ehren des ptolemäischen Königs Ptolemaios V. Der Text wiederholt sich in drei Schriftformen: oben in Hieroglyphen, in der Mitte in demotischer Schrift – der Alltagsschrift des spätzeitlichen Ägypten – und unten in griechischen Buchstaben, der Verwaltungssprache am ptolemäischen Hof.
Da altgriechische Texte bereits gut verstanden wurden, bot der griechische Abschnitt einen Ausgangspunkt: Gelehrte konnten den Inhalt erschließen und versuchen, entsprechende Textstellen in den beiden ägyptischen Schriftformen zuzuordnen.
Erste Ansätze vor Champollion
Die Entzifferung war kein einzelner Geistesblitz, sondern ein schrittweiser Prozess mehrerer Gelehrter. Der französische Orientalist Silvestre de Sacy und der schwedische Diplomat Johan David Åkerblad machten frühe Fortschritte bei der demotischen Schrift. Der englische Universalgelehrte Thomas Young erkannte um 1814 bis 1819, dass die ovalen Namensringe – die späteren Kartuschen – vermutlich Eigennamen wie den des Königs Ptolemaios enthielten, und schlug einzelnen Zeichen erste Lautwerte vor.
Diese Vorarbeiten lieferten wichtige Anhaltspunkte, blieben jedoch unvollständig, da die Hieroglyphenschrift lange als rein symbolisch-allegorisches System galt, das keine Lautsprache abbilde.
Champollions systematische Lösung
Der französische Gelehrte Jean-François Champollion verglich die Kartusche des Ptolemaios auf dem Rosetta-Stein mit der Kartusche der Königin Kleopatra auf einem zweisprachigen Obelisken aus Philae. Der Abgleich gemeinsamer Lautzeichen in beiden Namen bestätigte, dass die Hieroglyphenschrift zumindest teilweise phonetisch aufgebaut war. Ausgehend davon erkannte Champollion, dass das System Laut-, Wort- und Determinativzeichen kombinierte – eine Erkenntnis, die er 1822 in seiner "Lettre à M. Dacier" öffentlich vorstellte. Mehr zu seinem Werdegang finden Sie im Artikel über Champollion.
Warum der Stein bis heute zentral ist
Ohne den mehrsprachigen Text des Rosetta-Steins hätten Gelehrte keinen verlässlichen Vergleichspunkt gehabt, um Lautwerte einzelnen Hieroglyphen zuzuordnen. Der Stein bleibt deshalb ein Ausgangspunkt jeder Einführung in die ägyptische Schrift – auch wenn die eigentliche systematische Entschlüsselung der Grammatik erst in den folgenden Jahrzehnten erfolgte, unter anderem durch die Arbeiten von Karl Richard Lepsius, denen ein eigener Artikel gewidmet ist.