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Geschichte der Entzifferung

Jean-François Champollion und die Entzifferung

Von Matthias Vogel · aktualisiert am 10. August 2026 · 8 Min. Lesezeit

Porträt von Jean-François Champollion, Gemälde von Léon Cogniet
Gemälde: Léon Cogniet, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Eine frühe Sprachbegabung

Jean-François Champollion wurde 1790 im südfranzösischen Figeac geboren. Gefördert von seinem älteren Bruder Jacques-Joseph, der als Gelehrter und Bibliothekar arbeitete, beschäftigte er sich bereits als Jugendlicher mit orientalischen Sprachen, darunter Arabisch, Syrisch und Chaldäisch. Diese breite sprachliche Grundlage unterschied ihn von vielen Zeitgenossen, die sich der Hieroglyphenschrift eher aus historischem oder antiquarischem Interesse näherten.

Der Umweg über das Koptische

Entscheidend für Champollions späteren Erfolg war sein intensives Studium des Koptischen, der liturgischen Sprache der ägyptischen Kirche und späten Entwicklungsstufe der altägyptischen Sprache. Er ging davon aus, dass die gesprochene Sprache hinter den Hieroglyphen dem Koptischen nahestehen müsse – eine Annahme, die sich später als tragfähig erwies und ihm half, erschlossene Lautwerte sprachlich einzuordnen.

Die entscheidende Kartuschenanalyse

Champollion nutzte Abschriften des Rosetta-Steins sowie Kopien eines zweisprachigen Obelisken, den der britische Reisende William John Bankes von der Insel Philae nach England hatte bringen lassen. Auf dem Obelisken erschien der Name der Königin Kleopatra, auf dem Rosetta-Stein der Name des Königs Ptolemaios. Beide Namen enthielten teils dieselben Lautzeichen an vergleichbaren Positionen. Der systematische Abgleich bestätigte, dass die Kartuschenzeichen tatsächlich Lautwerte trugen und keine rein symbolischen Elemente waren.

Die "Lettre à M. Dacier" von 1822

Am 27. September 1822 stellte Champollion seine Erkenntnisse der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres in Paris in einem offenen Brief an den Sekretär Bon-Joseph Dacier vor. Er zeigte, dass die Hieroglyphenschrift kein rein bildhaft-symbolisches System war, wie es seit der Spätantike angenommen wurde, sondern Laut-, Wort- und Determinativzeichen kombinierte. Zwei Jahre später vertiefte er die Systematik in seinem "Précis du système hiéroglyphique".

Die Ägyptenexpedition 1828 bis 1829

Um seine Thesen an Originaldenkmälern zu überprüfen, leitete Champollion 1828 und 1829 eine französisch-toskanische Expedition entlang des Nils, unter anderem nach Abu Simbel, Theben und Karnak. Die vor Ort gesammelten Inschriften bestätigten und erweiterten sein System und lieferten Material für die postum veröffentlichte Grammatik und das Wörterbuch, die sein Bruder nach seinem Tod herausgab.

Reliefschmuck mit Hieroglyphen an einer Tempelwand in Karnak
Foto: Fitzcarmalan, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.

Vermächtnis

1831 erhielt Champollion den ersten Lehrstuhl für Ägyptologie am Collège de France, konnte ihn jedoch nur kurz ausüben: Er starb 1832 im Alter von 41 Jahren in Paris. Seine Methode – der systematische Vergleich bekannter und unbekannter Textstellen über Eigennamen in Kartuschen – bildet bis heute die Grundlage des Hieroglyphen-Unterrichts, wie ihn auch der Grammatik-Artikel auf Zylmira aufgreift.